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Streiflichter auf das Verhältnis zwischen Schamanismus und Wissenschaften


Grenzen überdenken, über Grenzen denken


An der Hochschule unterrichte ich in einem Seminar zurzeit Diversity Studies. Vor 3 Wochen besprach ich mit den Student:innen einen soziologischen Text. Darin ging es um Merkmale von Kolonialisierung in den universitären Wissenschaften. Der Tenor des Textes:

In den Wissenschaften sei ein ‚europäisch-westliches Denken‘, inkl. entsprechender Methoden dominant. Dies sei von Soziologen wie Gayatri C. Spivak, Alejandro Quitano und Walter Mignolo kritisiert worden. Sie hätten gezeigt, wie dekoloniale Lebens- und Wissensformen – z. B. sog. indigenes Wissen – von den Wissenschaften bekämpft worden seien. Ein Umdenken müsse gefordert werden: vom vorherrschenden Denk-Stil weg, hinein in ein border thinking, das an die Grenzen der ‚europäisch-westlichen‘ Erkenntnis-Position geht und darüber hinaus.

Der Begriff border thinking erinnerte mich direkt ans Schamantum*. Im Schamantum spielt das Überschreiten von Grenzen eine zentrale Rolle, z. B. mit Blick auf:

  • festgefahrene und verengte Bewusstseinsläufe. Mut hat im Schamantum große Bedeutung. Er befähigt dazu, die ‚Komfortzone‘ routinierter und bornierter Mental-Muster zu verlassen. In manchen schamanischen Lehren gibt es quasi eine Mut-Typologie. Dadurch wird abgebildet, dass jede Ebene von Bewusstsein ihre eigene Herausforderung mitbringt; entsprechend korreliert sie mit einer eigenen Form von Mut.

  • psychische Ressourcen und körperliche Zumutbarkeiten. Ein Beispiel hierfür liefern schamanische Initiationsrituale. Ihre traditionellen Arrangements sind meistens strapaziös bis lebensgefährlich. Ein Zweck ist, dem:r Kandidat:in eine existenzielle Entscheidung zu ermöglichen. „Will ich mich in den schamanischen Stand begeben oder nicht?“ Darum geht es.

  • die Grenzen zwischen der ‚Welt‘ und sog. ‚anderen Seite‘. Jede schamanische Lehre geht von folgenden Annahmen aus: Das Sein erschöpft sich nicht in der ‚Welt‘, die – nach herkömmlichen Kriterien – als empirisch gilt. Es gibt Bereiche des Seins, die sich ‚woanders‘ befinden und auftun. Sie gehen weder im Bewusstsein von alltäglichem Common Sense auf; noch lassen sie sich mit herkömmlichen empirischen Verfahren (auch nicht mathematischen) adäquat beschreiben.

Aus wissenschaftlicher Perspektive zählen schamanische Wissensbestände zum indigenen Wissen. Auf meinem Heimweg aus der Hochschule fragte ich mich: Wodurch kennzeichnet sich die Versprachlichung wissenschaftlichen Wissens, wodurch diejenige indigenen Wissens? Die Frage gab ich in der nächsten Seminar-Sitzung an die Student:innen weiter. Sie machten ein Brainstorming. Zum wissenschaftlichen Wissen sammelten sie:

  • sachlich

  • faktenorientiert

  • objektiv

  • nachvollziehbar

  • überprüfbar

  • institutionalisiert

Zum indigenen Wissen:

  • erfahrungsbasiert

  • multiperspektivisch

  • transdisziplinär

  • praxisbezogen

Nach einer kurzen Diskussion zeigte sich uns: Alle Adjektive der 2 Sammlungen können eigentlich auf beide Wissensformen zutreffen.** Dennoch unterscheiden sich die Versprachlichungen wissenschaftlichen und indigenen Wissens voneinander. Darin waren sich die Student:innen einig. Der Unterschied wiederum schien ihnen nicht fassbar. Ich schilderte, worin ich ihn sehe: Wissenschaftliches Wissen wird in der Regel so abstrakt-kategorial wie möglich versprachlicht, indigenes Wissen eher bildhaft-symbolisch. Ich veranschaulichte das an einem Beispiel.

Stellen wir uns einen jüdischen Teenager im Jahr 1972 vor. Fast alle Familienmitglieder seiner Großeltern- und Urgroßeltern-Generation wurden in der Shoah getötet. Der Teenager liebt das Leben und will, wie alle Teenager, seinen Spaß haben. Aber er leidet unter einem Schuldkomplex. Er denkt: Er habe gegenüber seinen Vorfahren etwas gutzumachen; denn er lebt, während sie ermordet wurden. Den Schuldkomplex übernahm er von seiner Mutter. Sie leidet unter dem sog. Überlebensschuld-Syndrom. Das Überlebensschuld-Syndrom zählt zu den Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Die Symptomatik des Teenagers würde – in der Soziologie und Psychologie – der transgenerationalen Weitergabe eines Traumas zugeordnet werden (Trauma-Transmission). Dies ist eine abstrakt-kategoriale Versprachlichung, wie sie in den Wissenschaften üblich ist.

Eine Schamanin etwa würde dieselbe Symptomatik anders versprachlichen. Sie würde sagen: Der Teenager hat Probleme mit den Ahnen. Oder: Es gibt Probleme mit den Ahnen. Solch eine Versprachlichung ist nicht nur typisch für schamanisches, sondern indigenes Wissen überhaupt. Der Grad der Abstraktion ist weitaus geringer. Das Wort „Ahnen“ gibt den Vorfahren einen bildhaften Touch. Außerdem stehen die „Ahnen“ immer auch für etwas. Sie sind ein Code und damit symbolisch.

Ich hätte mit den Student:innen gern noch auf eine andere Frage geschaut. Leider fehlte uns die Zeit dafür. Die Frage lautet: Zeigen sich die praktischen Techniken, die im Kontext wissenschaftlichen Wissens angewandt werden, denjenigen überlegen, die im Kontext indigenen Wissens angewandt werden? Ich übertrage die Frage auf mein Beispiel: Ist, um den Teenager von seinem Schuldkomplex zu befreien, eine durch empirische Studien gesättigte, traumatologische Therapie-Form auf jeden Fall wirksamer als z. B. eine systematische Abfolge schamanischer Ahnen-Rituale?

Ein wissenschaftliches Denken mit kolonialem Reflex würde spontan antworten: Die Therapie übertrumpft das Ritual, natürlich. Denunzierende koloniale Wissenschaftlichkeit würde ergänzen: Rituale sind fahrlässig, Scharlatanerie. Was würde ein dekoloniales wissenschaftliches Denken antworten? Vielleicht: Let’s try some border thinking – auch wenn es nur bis zur Idee einer unvoreingenommenen Vergleichsstudie reicht.


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*Die Schreibweise Schamantum wähle ich bewusst: einerseits um den „Ismus“ im Wort Schamanismus zu vermeiden, andererseits zum Zweck der Gender-Neutralität.


**Eine Ausnahme bildet „objektiv“. Ich erklärte den Student:innen, warum dieses Adjektiv nach heutigem Diskursstand für das wissenschaftliche Denken nicht mehr beansprucht werden kann. Dafür machte ich einen kurzen Exkurs zu den Anfängen der Quantenphysik. Was ich den Student:innen nicht sagte, hier aber ergänzen möchte: Indigenes Wissen beansprucht keine Objektivität im Sinn der Verallgemeinerbarkeit; hat es auch nie. Z. B. sagt kein indigenes Volk über seine Erkenntnisse: „Weil sich Sachverhalt x für uns soundso darstellt, muss er sich – bei gleicher Anordnung und Verwendung der Forschungsinstrumente –, auch für alle Anderen so darstellen.“

Auf seine Ursprünge hin betrachtet, ist indigenes Wissen immer regional und kulturell gebunden. Mittlerweile gibt es viele Spots, von wo es sich über die eigenen Grenzen hinweg verbreitet hat und weiter verbreitet. Dabei geht indigenes Wissen in eine Kommunikation, durch die es sich selbst hybridisiert. D. h. es nimmt in Kauf, sich in der Öffnung zur ‚Welt‘ durch andere Wissensformen zu verändern. Hierin unterscheidet sich indigenes Wissen vom wissenschaftlichen Wissen. Letzteres vermeidet soweit möglich, durch artfremde Wissensformen verändert zu werden. Sonst gilt es schnell als unseriös bzw. unwissenschaftlich.


©Fotos pixabay

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