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New Work, Agiles Arbeiten und Spiritualität. Was es zu entdecken gibt, wenn man in die Tiefe bohrt


(Teil 2)


Beispiel 2


Als nächstes möchte ich zeigen, wie im New Work Ideen aus der ‚(post-)modernen Spiritualität‘ eingelagert sind, ohne dass dies nach außen wirklich deutlich wird.

Unter dem Hashtag newwork las ich vor drei Tagen den aktuellen Instagram-Post einer Marken-Beratung. In dem Post steht: „Lebendige Beziehungen zu Themen, Prozessen und […] Menschen entstehen, wenn Impulse auf das Gewohnte treffen.“ Und: „In diesem Erkennen entstehen die Schwingungen, die Teams brauchen, um sich weiterzuentwickeln. Manche nennen es ‚Resonanz‘, andere nennen es einfach ‚good vibes‘, wieder andere ‚Bewegung‘.“

Die Begriffe Impulse, Schwingungen, Resonanz und vibes sind alle auch in der Physik verortbar. Im Post der Marken-Beratung dienen sie zur Beschreibung von spezifischen teamdynamischen Abläufen. Außerdem wird gesagt: Routine muss von Impulsen in Bewegung versetzt werden (und sich dadurch logischerweise umformen, was nicht explizit gesagt wird); sonst kann per se keine vitale Connection bzw. Interaktion stattfinden.

Gestern Abend scrollte ich probeweise durch aktuelle Beiträge auf dem Instagram-Profil eines Duos Wicca-Hexen. Ich fragte mich: Wie lang muss ich dort suchen, bis ich einen der Begriffe wiederfinde, die ich zuvor im Post der Marken-Beratung gesichtet hatte? Ich scrollte bis zum vierten Post runter. Er war von vorgestern und enthielt ein Mem mit dem Satz: „May you be protected from low vibrational, inauthentic, non-reciprocating energy.“

Die zur Marken-Beratung deckungsgleiche Rhetorik ist im Wort vibrational platziert. Abgesehen davon, enthält das Wicca-Statement weitere wesentliche Aspekte aus dem Gedankengang der Marken-Beratung. Wer sich vor low vibrational energy schützt, achtet im Umkehrschluss darauf, dass er:sie möglichst nur good vibes* erhält. Diese Vibes sind, der Logik nach, reciprocating, was Bewegung bzw. Entwicklung ermöglicht; im spirituellen Vokabular spricht man gern von flow. Eben scrollte ich nochmal weiter durch das Wicca-Profil. Vor 5 Tagen wurde dort ein Post gesetzt, der beide Wörter enthält, vibrant und flow. Auf einem anderen Mem von vor 3 Wochen steht: „Nothing rests: everything moves, everything vibrates.“ Die Wicca-Rhetorik überlappt also mehrmals mit derjenigen der Marken-Beratung. Sie treffen sich im Fokus auf Bewegung und Schwingungen.

Im New Work wird Spiritualität, wo überhaupt, oft eher grobschablonenhaft einbezogen. Eine Verkürzung auf ‚Achtsamkeit‘ oder ‚Intuition‘ ist gängig. Mir scheint: Darin äußert sich eine Art mentaler Bequemlichkeit. Sie kann schnell in abwertende Skepsis gegenüber den spirituellen Anteilen von New Work führen (wie z. B. bei Hendrik Epe). Solche Skepsis hadert damit, wie geläufig eine spirituell verlinkbare, dabei semantisch selten aufgeschlüsselte Sprache bis ins Business Coaching oder Change Management überspringt. Neo-spiritueller Duktus, insbesondere derjenige von Wicca, ist bereits Wirtschaftsalltag. Vor diesem Hintergrund scheint mir ratsam, sich klarzumachen, dass Wicca nicht bedeutet: Horoskope im Internet lesen, gefälschte Kristalle putzen und wo-auch-immer ‚hinfühlen‘.

Die Tradition, aus der Wicca hervorgegangen ist, reicht bis zu 4000 Jahre in die Menschheitsgeschichte zurück. Hinzu kommt der enge Bezug zu den Ursprungstexten der Hermetik u. a. Die Hermetik ist ca. 1200 Jahre alt und, historisch gesehen, eine Basis-Lehre für alle nachfolgende rituell-magische Philosophie und Praxis mit 'antik-europäischen Wurzeln'. Ich denke: Kaum eine Person, die Wicca als 'esoterischen Quatsch' ansieht, ist sich der Bedeutung dieser Tatsachen bewusst.** Dasselbe trifft wohl für die große Mehrheit der Vertreter:innen von New Work zu. Gleichzeitig verbreiten sich autosuggestive Glaubenssätze im Unternehmenscoaching, die den Zauberformeln hermetischer Magie beachtenswert ähnlich sind. Kernvokabeln des neu-paganistischen Jargons haben sich beiläufig im New Work angesiedelt. Auch wundert sich auf Team-Tagen 'dynamischer Organisationen' niemand mehr über „Körperübungen“, die aus dem Yoga, Qigong o. ä. abgeleitet sind. Die ganze Schule der progressiven bis transformativen Organisationsentwicklung des 21. Jahrhunderts profitiert von den Ergebnissen spiritueller Forschungspraxis, die die Epochen der Menschheit durchzieht. Der Unterschied zwischen Befürworter:innen von New Work und etwa Wicca-Zugehörigen ist: Jene sind sich mehrheitlich ihrer spirituellen ‚Wurzeln‘ nicht in letzter Konsequenz bewusst, diese schon.


Beispiel 3


Abschließend möchte ich zeigen, was passiert, wenn kapitalistische Verwertungslogik die spirituellen Aspekte von New Work bedeckt.

Über den Hashtag newwork wurde mir auf Instagram ein Post angezeigt, der für den 13. Juli 2023 das 17. Agile Allgäuer Netzwerktreffen ankündigt. Thema: „Vertrauen als Leistungsfaktor“. In der Agenda des Treffens werden u. a. folgende Punkte gelistet:

  • Methoden zum Vertrauensaufbau

  • Symptome von Misstrauen erkennen und verändern

Ich gehe kurz in die Analyse. Wenn ein Unternehmen Vertrauen als Leistungsfaktor ansieht, instrumentalisiert es Vertrauen im Dienst des Profit-Erwirtschaftens. Vertrauen ist so nicht mehr die unhintergehbare Basis menschlicher Beziehungen, sondern ein Mittel zum Zweck. Die gesamte Ankündigung zum Netzwerktreffen verrät einen strategischen Blick auf die menschliche Fähigkeit, vertrauen zu können, und das menschliche Bedürfnis nach vertrauensvollen Beziehungen. Dies wird besonders deutlich, indem man sich mit Methoden befassen will, durch die sich Vertrauen aufbauen lässt.

Wo Vertrauen aufgebaut werden muss, scheint nicht genug davon vorhanden zu sein. Für die Veranstalter:innen des Netzwerktreffens kommt nicht infrage, Vertrauen als 'natürliches Resultat' einer unmittelbaren, spontanen, intuitiv geleiteten und empathischen Interaktion anzuehen. Vielmehr bildet Vertrauen das berechnete Resultat eines Oberflächen-Kalküls. Entsprechend soll Misstrauen auf der Symptomebene verändert werden, anstatt in seinen Ursachen aufgelöst.

Man muss das Thema Vertrauen nicht zwangsläufig spirituell verorten. Man könnte es auch auf die psycho-emotionale und soziale Perspektive begrenzen. Allerdings: Wenn Vertrauen, wie auf dem Netzwerktreffen vorgesehen, profittechnisch orientiert wird, trägt das, denke ich, unweigerlich zur ‚Entfremdung des Menschen‘ von sich selbst, seinen Mit-Menschen und seiner Arbeit bei.°

Die Frage der ‚Entfremdung‘ ist mit derjenigen nach dem Lebenssinn verbunden. Spiritualität ist seit Anbeginn der Menschheit die theoretische und praktische Tiefendisziplin für die Sinn-Frage. Sinn geht über das Sag- und Berechenbare hinaus, genau wie Vertrauen. Deshalb gewährleistet Spiritualität einen ganzheitlichen, inklusiven Blickwinkel auf beide. Spätestens ab diesem Punkt wird Vertrauen auch zu einer spirituellen Angelegenheit. Hinzu kommt, dass ohne Vertrauen überhaupt keine spirituelle Praxis möglich ist. Jede spirituelle Übung ist auch eine Vertrauensübung. Sobald New Work sein eigenes spirituelles ‚Naturell‘ mitdenkt, müsste direkt ein anderer Zugang zum Thema Vertrauen entstehen, als er sich in der Ankündigung zum Netzwerktreffen abzeichnet.

Ich hoffe: Ich konnte durch die drei Beispiele etwas klarer machen, wie sich der Zusammenhang zwischen New Work und Spiritualität gestaltet. Die Herausforderungen und Chancen, die mit der gegenwärtigen Situation einhergehen, scheinen mir offensichtlich zu sein. Für mich steht außer Frage, dass es an der Zeit ist, die Integration spiritueller Aspekte ins New Work weiter voranzubringen. Bzw. geht es noch eher darum, die spirituelle Disposition von New Work im New Work selbst voll zur Kenntnis zu bringen, sie zu akzeptieren und dann daraus zu schöpfen.

Eine seriöse, durch Sachkenntnis fundierte Hinwendung zur Spiritualität könnte der Organisationsentwicklung im 21. Jahrhundert zu einer menschenwürdigen, kreativ-freudvollen, verteilungsgerechten und ökologisch nachhaltigen Ausrichtung verhelfen. Andersrum gesagt: Sie könnte die Arbeits- und Organisationskultur der Zukunft in ganzheitlich verstandene Sinnhaftigkeit überführen. Um dies zu ermöglichen, müssten sich Entscheider:innen, Geldgeber:innen, überhaupt alle interessierten Beteiligten noch viel konsequenter für transformative Prozesse in Organisationen öffnen – und zwar auf allen erdenklichen Ebenen. Der Anfang ist mental. Immer. Wo die sprichwörtliche Reise hingeht, würde sich erst noch zeigen.°°

Es gibt hier und da immer wieder Organisationen, die wirklich neue Wege beschreiten. Solche Organisationen laden nicht den x-ten „zertifizierten Trainer für Kommunikation“ ins Haus, um am Team-Building zu arbeiten; sondern z. B. eine:n Tanz-Choreograf:in, System-Aufsteller:in oder Schaman:in. Solche Organisationen machen kein 0-8-15-Jahresfest, sondern fahren auf ein mehrtägiges mental-edukatives Team-Retreat. Sie haben verstanden, dass überhaupt gar nichts Neues mit einer neusten Methode, einem nächsten Tool oder einem weiteren Sonder-Meeting beginnt. Denn:

Alles beginnt mit der passenden Energie, ihrer Freisetzung, Kanalisierung und Formung. Daraus entstehen Dynamik, Interaktion und Gestalt. Und wenn genug Menschen es wollen – gemeinsam –, entsteht daraus eine gesamte neue Arbeitswelt.

Das ist New Work. In meinen Augen.


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*Die Fixierung auf good vibes wird in einer kritischen Linie des Lifestyle-Diskurses auch als „toxische Positivität“ bezeichnet.


**Noch weniger der Tatsache, wie global das Phänomen ist, über das hier geredet wird. Die mittelalterliche Alchemie z. B. war eng mit der hermetischen Tradition verknüpft. In Europa gilt die Alchemie mittlerweile als überholt. Alles, was sich weiter aus ihr entwickelt hat und nicht Naturwissenschaft ist, wurde ins Kabinett der menschlichen Mental-Dubiositäten (vornehmlich Esoterik und Okkultismus) verwiesen. Dies hat mit dem wissenschaftlichen Wissensparadigma zu tun, das sich im Zuge der Aufklärung von der Religion emanzipiert hat. Seither pocht es (jedenfalls im ‚allgemeinen Bewusstsein‘) auf Allgemein- und Alleingültigkeit. Aber Alchemie ist kein ‚europäisches Phänomen‘, höchstens ein europäischer Begriff. Die taoistische Philosophie in China etwa hat ebenfalls eine starke alchemistische Tradition. Auch wenn man das in unseren Breitengraden ungern hört: Alchemie und Magie gingen überall auf der Welt immer schon Hand in Hand. So ist ein Konzept wie Yin und Yang historisch mit der taoistischen Alchemie und Magie verbunden. Dasselbe gilt für die klassisch-chinesische Medizin. Beide wiederum – Yin und Yang sowie chinesische Medizin – sind mittlerweile ‚im Westen angekommen‘.


°Zur näheren Analyse von 'Entfremdung' siehe meinen Blog-Artikel „Dissoziation. Ein Merkmal unserer Zeit“.


°°Den Mut zur Ungewissheit braucht es also nicht etwa nur im Scrum, sondern er ist auf ganzer Linie gefordert.


©Foto beboy/stutterstock

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