top of page

Hä? Wie erleichternd... Ein Plädoyer für Irritation, Konfusion & Verunsicherung


(Teil 2)


Die Technik des Irritierens, die systematische Verunsicherung, das Verwirren und Konfus-Machen als Methode gehören in vielen ‚alten Weisheitslehren‘ zum Repertoire. Eine schamanische Tradition in Mexiko kreist etwa um verschiedene Praktiken, die dazu dienen, die Welt anzuhalten. Diese Praktiken sind voll von provokanten Interventionen, auch im Dialog. Es gilt als erstrebenswert bzw. nötig‚ bestehende ‚Sicherheiten‘ aufzulösen. Ein Grund dafür: Wer sich in nichts sicher sein kann, bleibt wachsam und agil.

Das Schamantum* weiß um die Tatsache, dass sich die tiefste menschliche Kraft entfaltet, sobald das Alltagsbewusstsein – egal wie kultiviert und intellektualisiert es sein mag – zerborsten ist. Ein Mensch, in dem sich die Kraft der anderen Seite** ausbreitet, gelangt zu ‚innerer‘ Sicherheit – nicht in dem Sinn, dass er zu unerschütterlichen Überzeugungen gelangt oder vor Selbstbewusstsein strotzt; sondern in dem Sinn, dass er durch ein vollends geklärtes Selbst- und ‚Welt‘-Verhältnis psychisch unverwundbar wird.

Die schamanischen Praktiken des Welt-Anhaltens ähneln z. T. den Koans im Zen-Buddhismus. Die striktesten Koans sind kognitiv unlösbare Rätsel.*** Ihnen setzt sich das menschliche Bewusstsein beim Meditieren mit Absicht aus. Der Körper erdet sich; das Bewusstsein ‚platzt‘. Der Vorgang ist gleichbedeutend mit dem Ende von psychischer Angst. Davon zeugt z. B. das Koan, in dem der Zen-Meister einem Schüler die einzigen zwei relevanten Sekunden des Lebens vor Augen führt: die Sekunden direkt nach der Geburt und direkt vor dem Tod. Sie bieten alle Orientierung – und damit alle ‚innere‘ Sicherheit –, die es im Zen zum Leben braucht.°

Ich weiß nicht, ob sich ‚innere‘ Sicherheit entwickeln kann, ohne dass vorher das Phänomen ‚Selbst-Sicherheit‘ untersucht wurde. Mir scheint nein, denn: Man kann auch keinen Tanz, bei dem man sich leicht wie eine Feder fühlt, vollführen, ohne vorher die Muskeln ausreichend trainiert zu haben. Der Vergleich hinkt ein wenig. Ich ziehe ihn trotzdem, um dem Missverständnis vorzubeugen: man könne aus dem Labilitätsgeflecht ‚äußerer‘ Sicherheiten sprunghaft in die ‚innere‘ Sicherheit switchen.

In Heinrich von Kleists Aufsatz über das Marionettentheater gibt es eine passende Parabel. Angenommen, die Hingabe an ‚äußere‘ Sicherheiten würde dem Sturz aus dem Paradies gleich sein. Dann bedürfte es nach Kleist der Reise um die gesamte Welt – also durch alle Stufen des Bewusstseins –, um wieder im Paradies anzukommen. Jeder Mensch wird schon von ‚außen‘ konditioniert, bevor er in einen Reflexionsprozess über sich selbst tritt. Deshalb lässt sich nicht umgehen, Weg zu gehen.°°

Auf dem Weg nimmt die ‚innere Sicherheit‘ in dem Maße zu, wie man nicht mehr nötig hat, sich selbst zu problematisieren. Gleichzeitig gilt: Wer sich Zeit lässt, ist schon korrumpiert. In Angelegenheiten der Weisheit ist Zeit immer ein Aufschub, also Vermeidung. Körper brauchen Zeit, der ‚Geist‘ nicht. Die Muskeln und Organe sind langsamer als der ‚Geistesblitz‘.

Jiddu Krishnamurti wies wiederholt darauf hin, dass Selbsterkenntnis, Einsicht in das, was ist, und damit einhergehende Transformation abseits von Zeit stattfinden. D. h. Selbsterkenntnis, Einsicht und Transformation sind immer jetzt, ein einheitlicher Vorgang. Dieser Vorgang lässt sich nicht willentlich anstoßen oder erzeugen. Der Wille zu Selbsterkenntnis, Einsicht und Transformation braucht Demut, was im Grunde gleichbedeutend mit dem Nicht-Tätigwerden des Willens ist. Wer in Angelegenheiten der Weisheit will, muss aufhören zu wollen, damit sich ereignen kann.

Die ‚innere‘ Sicherheit, die daraus erwächst, hat nichts mit der Not des Gehirns zu tun, kontrollieren zu müssen. Im Gegenteil: ‚Innere‘ Sicherheit entfaltet sich desto weiter, je weniger das Gehirn sich veranlasst sieht zu kontrollieren. Die höchste ‚innere‘ Sicherheit, die sich einstellen kann, ist sog. „innerer Frieden“. Jiddu Krishnamurti machte immer wieder klar, dass Sicherheit – im herkömmlichen Sinn – außerhalb des Denk-Apparats nicht existiert. Sie ist eine Imagination des Gehirns, die dazu dient, biologisches Überleben zu sichern – nicht mehr, nicht weniger. Die 'innere' Sicherheit, der „innere Frieden“ wohnt, mit schamanischen Worten gesprochen, auf der anderen Seite.

Ich denke: Das angebrochene Jahrtausend, unsere Zeit braucht den Mut zu Irritation, Verunsicherung und Konfusion. Dieser Mut ist nicht beliebig, seine Richtung nicht willkürlich. Ohne die Preisgabe aller ‚äußeren‘ Schein-Sicherheiten können wir Menschen nicht zu faktischer ‚innerer‘ Sicherheit gelangen. ‚Innere‘ Sicherheit erfordert Kraft und Klarheit. Beide kann man trainieren. Sie ergeben sich, wenn man bereit ist, aus der eigenen Unmündigkeit herauszutreten. Der Blick muss scharf, kühn und frei sein. Dann beginnt ‚innere‘ Sicherheit. Die Angst, man sei nicht genug, schwindet. Und man lässt den Irrglauben los, man müsse die Einschätzung der ‚Realität‘ besser Anderen überlassen.


____________________


*Die Schreibweise Schamantum wähle ich bewusst: einerseits um den „Ismus“ im Wort Schamanismus zu vermeiden, andererseits zum Zweck der Gender-Neutralität.


**Zur Phrase die andere Seite vgl. meinen Blog-Artikel „Streiflichter auf das Verhältnis zwischen Schamanismus und Wissenschaften“.


***Das wahrscheinlich bekannteste Koan ist die Frage: "Wie klingt das Klatschen einer einzigen Hand?"


°Hinter den Praktiken von Schamantum und Zen-Buddhismus steht u. a. das Anliegen, das Selbst, inkl. aller gedanklichen Reaktionen zu entkräften. Der Zen-Buddhismus wendet dieses Anliegen explizit auch auf sich selbst an. Er ist ein klösterlich institutionalisiertes ‚Konzept‘ (fehlgeleitetes Wort, weiß ich), das existiert, um sich selbst zu zerstören. Das Paradox ist offensichtlich. Seine Logik wird z. B. durch folgende geflügelten Zen-Worte veranschaulicht: „Wenn du Buddha triffst, töte ihn.“ Und: „Zen gibt es nicht.“

Die traumatisch antrainierte Selbst-Negation ist übrigens eine andere als diejenige des ‚weisen Menschen‘. Erstere ist dramatisch aufgeladen und resultiert aus der Verletzung von menschlicher Integrität; letztere ist spielerisch durchlüftet und resultiert aus menschlicher Einsicht. Der Unterschied ist wichtig. Denn mit Blick auf die Heilungsbedürftigkeit traumatisierter Menschen wäre es irreführend und für die traumatisierte Person fatal, wenn beide Formen der Selbst-Negation verwechselt würden.


°°Zwei Anmerkungen, erstmal eine zur Sprache: Ich wurde von einer Leserin darauf hingewiesen, dass vor dem Wort "Weg" ein den fehle. Da fehlt kein den. Ich habe bewusst keinen Artikel gesetzt. – Jetzt noch eine Anmerkung zum Inhalt: Auch Siddharta Gautama durchwanderte alle Landstriche seiner selbst – jedenfalls den Überlieferungen seiner Biografie und Reden zufolge.


©Foto pixabay

Comments


bottom of page