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Dissoziation. Ein Merkmal unserer Zeit

(Teil 1)


Dieser Artikel handelt von Dissoziation. Das Wort Dissoziation geht etymologisch auf das lateinische Verb dissociare zurück und lässt sich mit „trennen“ oder „scheiden“ übersetzen. Als Fach-Terminus wird Dissoziation heute gleichermaßen in der Chemie, Medizin und Psychologie verwendet. Ich fokussiere hier auf die psychologische Bedeutung. In der Psychologie meint Dissoziation ganz allgemein die Abspaltung von Bewusstseinsinhalten, inkl.

  • Wahrnehmungen

  • Gedanken

  • Erinnerungen

  • Gefühlen

  • dem Registrieren von Körperreaktionen oder

  • von stattfindenden Handlungen.

Ich halte Dissoziation für eines der Kernsymptome des 20. und 21. Jahrhunderts. Das gilt nicht nur für die psycho-emotionale Mechanik von Individuen, sondern auch für diejenige von Kollektiven – bis hin zu ganzen Gesellschaften. In einem Gespräch sagte ich mal: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der dissoziierenden Eskalation; das 21. Jahrhundert ist dasjenige der eskalierenden Dissoziation.

Die dissoziierende Eskalation steckt tief in der Logik industrie-kapitalistischer Systemdynamik und -ordnung. Sie wurde im Lauf der Dekaden quasi auf der ganzen Welt verbreitet. Mit dem Begriff der Entfremdung wies schon Karl Marx auf einen gesellschaftlichen Prozess der Abspaltung hin, der sich im Innern jedes Individuums spiegelt. Laut Marx führt die kapitalistische Arbeitsteilung zu einer multiplen Entfremdung des arbeitenden Menschen. Er entfremdet sich z. B.

  • vom Produkt der eigenen Arbeit. Denn es gehört dem Arbeitgeber.

  • von der eigenen Arbeitskraft. Denn sie wird in Fremdbesitz geleitet.

  • von seinen Mitmenschen. Denn alle Beziehungen werden durch kapitalistische Logik kommerzialisiert.

  • von sich selbst. Denn die kapitalistische Logik behindert die freie Entfaltung persönlicher Neigungen und Kompetenzen.

Die dissoziierende Eskalation erreichte ihren Höhepunkt in den Verbrechen der deutschen Nazis während des 2. Weltkrieges. Adorno & Co machten transparent, wie die Funktionslogik der Konzentrationslager mit derjenigen des Industrie-Kapitalismus zusammenhing. Beiden gemeinsam waren

  • totale Verachtung. Die inhaftierten Menschen wurden zu beliebig nutzbaren Objekten degradiert, sogar zu Material.

  • totale Ausbeutung. Die Lebenskraft der Menschen wurde bis hinein in den Vollverschleiß der Körper ‚verarbeitet‘. Wer nicht arbeiten konnte, galt als lebensunwert.

Die historische Erfahrung der Nazi-KZs sensibilisierte dafür, dass es nottut, die industrie-kapitalistische Verwertungslogik zumindest teilweise zu bändigen. Die Totalitäten der Verachtung und Ausbeutung wurden auf ein relatives Maß beschränkt – insofern, als das zielgerichtete Andere-zu-Tode-Arbeiten nicht mehr offiziell hoffähig war (jedenfalls nicht in ‚demokratischen Gesellschaften‘).

Daneben besteht eine industrie-kapitalistische Totalität bis heute weiter: die Akkumulation von Geld gegen Limes unendlich. Ohne höher, schneller, weiter um des Mehr willen würde die kapitalistische Logik anscheinend nicht fortdauern – egal, in welchem Kleid sie sich präsentiert. Das eskalative Potenzial dieser Tatsache ist offenkundig, das dissoziative auch. Um dem kapitalistischen Mehr das Überleben zu sichern, wird mannigfach Überleben in vielfältiger Hinsicht riskiert oder unmöglich gemacht. Der globale Bedarf an empathisch-umsichtiger Reflexion dessen, was man tut, wird ausgeblendet; sonst könnte man nicht tun, was man tut.

Mittlerweile hat sich die ‚industrie-kapitalistische Menschheit‘ so weit in die Verausgabung des Planten hinein eskaliert, dass

  • die massenhafte Überproduktion von Konsumgütern normal geworden ist. Die „Entsorgung“ sog. Wohlstandsmülls in afrikanische Wüstenstriche ist ein typisches dissoziatives Phänomen. Es folgt dem Prinzip: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Folgen der kapitalistischen Logik werden durch geografische Verlagerung aus dem Bewusstsein weggespalten.

  • die massenhafte Miss-Haltung und Tötung von Tieren normal geworden ist. Was sich die ‚industrie-kapitalistische Menschheit‘ – im zivilisierten Gewand – seit fast 80 Jahren mit Blick auf Menschen verbietet, erlaubt sie sich an Tieren umso großzügiger. Das Leid der zusammengepferchten Lebewesen, ihre Angst, Schreie und Hilferufe werden zugunsten niedriger Supermarkt-Preise aus dem Bewusstsein weggespalten.

  • die Zerstörung des globalen Ökosystems normal geworden ist. Mittlerweile sind die natürlichen Ressourcen des Planeten derart angegriffen, dass die ökologische Balance kippt. Der Klimawandel zeugt davon am deutlichsten. Die Dringlichkeit, auf seine Folgen zu reagieren, streitet nach wie vor mit dem Willen, transkontinentale Freizeit-Fernreisen zu buchen oder weltführenden Industrielobbys ihre Wirtschaftsgrundlage zu erhalten. Die Unvereinbarkeit der Pole Menschheitsnutzen vs. Eigen- bzw. Partikularinteressen wird zwar immer weniger aus dem Erkenntnis-, aber häufig weiter aus dem Handlungsbewusstsein weggespalten.*

Zeitgeschichtlich wird deutlich: Die ‚kapitalistische Menschheit‘ des Industriezeitalters spaltete ab, um eskalieren zu können. Sie tut es bis heute, sofern sie im Bewusstsein noch nicht von den Umformungen des aufgekommenen Digitalzeitalters erfasst ist. Der ‚industrie-kapitalistische Mensch‘ will nicht hinsehen, um ausflippen zu können.** Dagegen will der ‚digital-kapitalistische Mensch‘ ausflippen, um nicht hinsehen zu müssen. D. h. im Zuge der Digitalisierung hat sich das Verhältnis zwischen Treib- und Zielkraft umgekehrt. Ein wesentlicher Grund dafür ist wahrscheinlich die rasante Entwicklung der Internet-Technologie. So schnell, wie durch sie das menschliche Bewusstsein gleichzeitig globalisiert und fiktionalisiert wird, kommt der Mensch nicht hinterher.

Viele Indizien sprechen dafür, dass die Digitalisierung uns nicht nur erstaunliche Möglichkeiten eröffnet, sondern auch tief verunsichert und überfordert. Wie kommt das? Ich denke: Es kommt daher, dass die Digitaltechnik des Internets ihr eigenes eskalatives Potenzial voll ausschöpft.*** Sie eskaliert

  • die Verfügbarkeit von Informationen. Mittlerweile sind potenziell alle Informationen weltweit für alle Menschen abrufbar. Paradoxerweise zersplittert genau hierdurch die Relevanz der einzelnen Information. Sie wird beliebig austauschbar, nicht nur durch andere Informationen, sondern auch durch Fiktion (z. B. Fake News).

  • die screen-kommunikative Vernetzung. Mittlerweile sind alle Menschen potenziell mit allen anderen kommunikativ verbunden – unabhängig von Zeit und Ort. Paradoxerweise löst sich genau hierdurch die Relevanz der zwischenmenschlichen Verbundenheit auf. Die einzelne Verbindung wird beliebig austauschbar. Der Mensch, der irgendwie ‚nicht passt‘, wird geghostet, geblockt, gebasht etc.

  • die mit der Allverfügbarkeit von Informationen und screen-kommunikativer Vernetzung einhergehende (social-)mediale Performance. In der ‚digitalen Welt‘ kann potenziell jede:r potenziell alles performen. Somit wird alles, was ist, beliebig anpassbar (z. B. durch Photoshop). Geneigtheit, Wunsch und Absicht ersetzen Begegnung, Konfrontation und Aushandlung. Die Promotion ersetzt das Sein, das Zusehen das Hinsehen.

(Teil 2 folgt.)


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*Am ‚Thema Klimawandel‘ lässt sich anschaulich mitverfolgen, wie die dissoziierende Eskalation des 20. Jahrhunderts in die eskalierende Dissoziation des 21. Jahrhundert wechselt. Ich werde auf diesen Punkt in Teil 2 des Artikels zurückkommen.

**Er tat das auch nach dem 2. Weltkrieg noch – ein letztes Mal auf der Schwelle zum neuen Jahrtausend, im Rausch der global expandierenden Techno-Kultur.


***Wie ehemals die Atomtechnik. Die Folgen davon stellen die Menschheit bis heute vor ungelöste Fragen – nicht nur pragmatische, sondern solche an sich selbst. Diese Fragen werden ebenfalls lieber wegdissoziiert als in ihrer vollen Bedeutung angeschaut.


©Foto pixabay

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