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Dissoziation. Ein Merkmal unserer Zeit


(Teil 2)


In einem Interview sagte die koreanische Schamanin Hi-ah Park: Das laufende Jahrtausend sei gekennzeichnet von „dem allgegenwärtigen Dilemma, alles von allem zu trennen.“ Genau dies ist, was ich als eskalierende Dissoziation bezeichne: alles von allem zu trennen. In der kapitalistischen Logik – inkl. ihrer bis dato fortgeschrittensten offiziell-politischen Form, der ‚repräsentativen Demokratie‘ – lassen sich verschiedene Faktoren sichten, durch die heutige Gesellschaften immer weiter in die eskalierende Dissoziation rutschen. Ein paar dieser Faktoren möchte ich hier beispielhaft näher betrachten:


1. die kontinuierliche Ausweitung des Arbeitssektors Dienstleistungen. Sie liegt hauptsächlich im Umstand begründet, dass immer mehr Menschen arbeiten wollen (und zwecks Sicherung des Lebensunterhalts auch müssen), obwohl es, untern Strich, immer weniger notwendige Arbeit gibt. Der verselbständigte Arbeitswille führt dazu, dass man, was eben geht, machen lässt und an Andere outsourct, um selbst machen zu können. Dadurch wird die Arbeitsteilung, die schon im Industriezeitalter etabliert wurde, weiter vorangetrieben.

Technische Erfindungen, die erlauben, immer mehr Produktions- und Arbeitsprozesse maschinell voll zu automatisieren, verstärken den Trend noch. Die Zahl benötigter ‚Bediener:innen‘ schrumpft. Im Gegenzug steigt durch die zunehmende Digitalisierung von Abläufen und Angeboten die Menge erforderlicher digital service providers. Digitale Effizienz muss gemanagt werden. Deshalb ist die Vervielfachung von Dienstleistungen wie Online-Kursen, Web-Designing u. v. m. nur möglich, weil wiederum andere digitale Dienstleister den Kurs-Anbieter:innen etc. zeigen, wie man sich für eine Online-Dienstleistung technisch und konzeptionell aufstellt.

Aus all dem resultiert eine Verschiebung der gesellschaftlichen Nachfrage nach neuen Job-Formaten. Diese Nachfrage selbst wird über den bestehenden Bedarf hinaus weitergetrieben. Quasi jährlich schwemmen vorher nie gehörte Stellen-Bezeichnungen den Arbeitsmarkt. Die neuen Jobs entstehen nicht unbedingt, weil sie inhaltlich benötigt würden, sondern weil die ständige Inflation alter ‚neuer Jobs‘ nach weiteren ‚neuen Jobs‘ verlangt. Die eskalierende Philosophie dahinter: „Wir haben noch etwas gefunden, womit sich für weitere Arbeitsteilung sorgen und sich ein weiteres Stück Bedarfshypothese dienstleisterisch vermarkten lässt.“

Aus dieser Philosophie erwächst ein Gutteil der sog. Bullshit-Jobs. Was mit ihr aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein wegdissoziiert wird: Man hat es – wie beim Kapitalismus generell – mit einem sprichwörtlichen Fass ohne Boden zu tun. Der dienstleistungszentrierte und digitalisierte Arbeitsmarkt erschafft eine sich immer wieder aufs Neue entwertende Unendlichkeit; und der entwertete Dienst facht die Suche nach nächsten Dienstwerten an.


2. die Social-Medialisierung des menschlichen Bewusstseins bzw. Lebens überhaupt. Ich denke: Die Relevanz von internetbasierten Sozialen Medien für unser Zeitalter kann nur schwer überschätzt werden. Dies gilt für jüngere Generationen, die von Geburt an in eine social-medialisierte Umwelt hineinwachsen, noch mehr als für ältere. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Alexander Korte wies mal darauf hin, dass sein für viele Jugendliche bedeutet: (social-)medial stattfinden. Wahrscheinlich ist es nicht übertrieben zu behaupten: Für die meisten Heranwachsenden in digitalisierten Gesellschaften ist das Internet die primäre ‚Welt‘, die analoge ‚Welt‘ eher die sekundäre. Deshalb stehen Jugendliche mittlerweile in 3m Entfernung voneinander auf dem Schulhof, um per WhatsApp miteinander zu texten, anstatt direkt zu reden.

Das stärkste eskalierende Element der Sozialen Medien ist deren Schnelllebigkeit. Die Halbwertszeit von Posts und Messages ist höchstens so lang, wie das Nächste, Überlagernde noch nicht gepostet ist. Eigentlich ist die Halbwertszeit sogar noch kürzer. Denn sie bemisst sich daran, wie lange die jeweiligen Posts und Messages das Gehirn glückshormonell angeregt halten. Die digitale Like-Kultur konditioniert das bio-emotionale System des Menschen auf Zeitspannen, die im Schnitt unter einer Minute liegen. Je mehr Likes kommen und je schneller hintereinander, desto kürzer wird das Intervall des Needs nach mehr. Die Suchtgefahr liegt auf der Hand. Das dissoziierende Potenzial ist in mehrerlei Hinsicht existenziell. Es umfasst

  • die Beziehung zur ‚Welt‘. Wichtig ist nicht mehr, was sich ereignet, sondern dass es social-medial inszeniert wird. Z. B. zücken die meisten Menschen reflexhaft ihr Smartphone, um Fotos zu machen, sobald sie etwas wahrnehmen oder erleben, das sie emotional berührt. Dieses Verhalten gilt gleichermaßen für Sonnenuntergänge, Restaurant-Speisen, Konzerte, den frisch geputzten Schrank oder das Treffen mit einem:r Freund:in. Die Dissoziation hinein in die social-mediale Einfassung, inkl. deren technische Abwicklung tötet die Chance, den Moment zu erleben. Dies scheint mir umso tragischer, als der Charakter des dissoziativen Vorgangs selbst nochmal aus dem Bewusstsein weggespalten wird. Man will nicht hinsehen, was man sich im eigenen ‚Welt‘-Bezug antut.

  • die Beziehung zu den Mitmenschen. Dieser Aspekt ist offensichtlich. Er wurde schon in meinem Schulhof-Beispiel plastisch. Auch lässt er sich direkt aus der gängigen Match/Unmatch-Kultur, dem unaufhörlichen Connect & Block digitaler Interaktionen ablesen. Ich denke: Soziale Medien tragen maßgeblich dazu bei, dass die Zahl von Menschen mit Beziehungsstörungen, Bindungsängsten, Konfliktunfähigkeit u. ä. signifikant zunimmt. Dabei dient die Schein-Souveränität des Click & End wohl oft dazu, eigene Unsicherheiten, narzisstische Reiz- und zwischenmenschliche Schwachstellen aus dem Bewusstsein wegzuspalten.

  • die Beziehung zu sich selbst. Hierüber kann der:die geneigte Leser:in eigenständig meditieren. Ich möchte lediglich anmerken: Influencer:innen haben den Job, eine Illusion von Möglichkeits- und Erscheinungsstandards zu pushen, an der sich App-Konsument:innen im ‚real life‘ abarbeiten. Derart wird mit der Selbstentfremdung des:r Konsument:in viel Profit erwirtschaftet.


3. der ökonomisch-politische und gesellschaftliche Umgang mit dem Klimawandel. Die dissoziierende Eskalation, die zum Klimawandel geführt hat, habe ich bereits in Teil 1 dieses Artikels angesprochen. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen und daraus abgeleitete Prognosen erzeugen einen hohen Handlungsdruck. Dennoch: Der Mensch mit vorherrschend ‚industrie-kapitalistischer‘ Bewusstseinsprägung neigt zur Rechtfertigung von allem, was hausgemacht dem Erdklima schadet. Der Mensch mit ‚digital-kapitalistischer‘ Bewusstseinsprägung wiederum kann den Informationen und ihrer Wirkung nicht ausweichen. Er schafft nicht, die Eskalation des Klimawandels zu verteidigen. Denn ihn treibt nicht primär Ignoranz. Andersrum gelingt ihm nicht, sich konsequent für eine Beendigung der Eskalation einzusetzen. Ihm fehlt – trotz besseren Wissens – die Bereitschaft, ganz von der Dissoziation abzulassen. Dies hat, so vermute ich, tiefenpsychologische Gründe. Sie formen sich nicht nur individual-, sondern auch kollektiv-symptomatisch aus: z. B. in einer Art Selbstverwirklichungsfetisch* oder im social-medial gehypten Narrativ leben = fernreisen.

Mittlerweile gibt es immer mehr Menschen, die versuchen, sich von der ‚digital-kapitalistischen‘ Schablone zu emanzipieren. Protest-Bündnisse wie Fridays for Future oder Die letzte Generation weisen in solche Richtung. Allerdings realisieren sie durch ihre jeweiligen Gefüge nach wie vor eine eskalierende Dissoziation. Der „Klimastreik“ von Fridays for Future z. B. bleibt symbolisch verhaftet, indem er an einem festgelegten Wochentag höchstens ein Mal pro Woche stattfindet. Ihm fehlt die existenzielle Radikalität, wie sie den Aktionen der letzten Generation eigen ist. Bei Fridays for Future schluckt die Performance die Aktion. Die letzte Generation hat das gegenteilige Problem. Ihre Proteste sind zwar konsequent, was die Handlungsbereitschaft und -kraft angeht. Aber der performative Gestus läuft ins Leere. Somit verkörpern beide Protest-Bündnisse jeweils einen abgespaltenen Teil der eskalierenden Dissoziation. Es ist logisch, dass sie derart keine system-wirkende Wandlungsmacht erzeugen können.**


Eine wesentliche, vielleicht auch Vieles entscheidende Frage scheint mir: Wie will sich die Menschheit zum Phänomen der eskalierenden Dissoziation verhalten? Mit dieser Frage ist eine weitere verknüpft: Wie viel Bereitschaft kann die Menschheit mobilisieren, um hinzugucken, einzugestehen, zu- und abzulassen?

Die Diagnose Hi-ah Parks° über das aktuelle Zeitalter legt nahe, dass es eventuell zu früh ist, solche Fragen in breiteren Diskursen zu bewegen. Noch findet die Auseinandersetzung über eskalierende Dissoziation(en) eher in Diskurs-Nischen statt. Analysen‚ Einsichten und Handlungsbedarfe werden zwar formuliert. Aber die resultierenden ‚Botschaften‘ werden, der Symptom-Logik folgend, außerhalb der Nischen oft wieder wegdissoziiert. Hiervon zeugt in Mitteleuropa z. B. die Romantisierung ‚fremder‘ Schaman:innen aus „fernen Kulturen“. Sie ist weit verbreitet und geht einher mit der Abwertung lokal ansässiger, „einheimischer“ Schaman:innen.°° Die ‚westliche Reduktion‘ von Yoga entweder auf eine Sport- und Wellness-Aktivität oder diffus-seichte esoterische Praxis weist in ähnliche Richtung. Ausgeblendet wird, dass beide – Yoga und Schamantum – eine ethisch-spirituelle Rückbindung haben, die konkrete, mitunter unbequeme Konsequenzen für die eigene Lebensführung bereithält.

Wenn ich richtig sehe, wäre Einiges erreicht, sobald mit dem Konzept der Ganzheitlichkeit sorgsam, auch weniger beliebig umgegangen würde. Der Begriff Ganzheitlichkeit ist in ‚liberalen Gesellschaften‘ mittlerweile hoffähig geworden – jedenfalls solange man sich bei seiner Verwendung an bestimmte Regeln hält. Niemand stört sich z. B. daran, wenn er im Diskurs um den Klimawandel eingebracht wird. Im medizinisch-therapeutischen Diskurs sieht das schon anders aus. Dort trifft der Begriff entweder auf offene bis vorsichtige Zustimmung, auf Verunsicherung, Fremdscham oder Ablehnung.

Ich denke: Ganzheitlichkeit ist erforderlich, um den globalen Herausforderungen zu begegnen, die sich der Menschheit jetzt und in nächster Zukunft stellen. Ohne ganzheitliches Bewusstsein und entsprechende ‚Antworten‘ können wir keine stabilen, nachhaltigen Lösungen hervorbringen. Mir scheint, dass weitaus mehr Menschen dies im tiefsten Innern ihres Herzens fühlen, als bereit sind, es offen zu zeigen. Die eskalierende Dissoziation ist mächtig, auch als gesellschaftliches Regulativ. Sie wirkt wie ein Bann. Aber einen Bann kann man brechen. Zum Glück.


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*Damit ist nicht gemeint, dass 'Selbstverwirklichung' an und für sich etwas Schlechtes sei; sondern dass sich 'Selbstverwirklichung' zu einer kapitalistischen Markt-, Lifestyle- und Konsum-Säule entwickelt hat.


**In diesem Zusammenhang ist mit Blick auf beide Protest-Bündnisse ihr jeweiliges Verhältnis zur geltenden Gesetzeslage beachtenswert. Fridays for Future legt alle Protest-Aktionen so an, dass sie die Linie zu Gesetzeswidrigkeit und Straffälligkeit nicht überschreiten. Die Demos sind angemeldet, z. T. zum Kultur-Event erweitert. Die Teilnahme am freitäglichen „Klimastreik“ wurde den Schüler:innen deutscher Schulen von Behördenseite explizit erlaubt (bei Minderjährigen müssen die Sorgeberechtigten einwilligen). Die letzte Generation hingegen wählt häufig Aktionen, die gesetzeswidrig und strafbar sind. Dies gilt gleichermaßen für das Lahmlegen von Pipelines, Sitzblockaden auf Autobahnen oder die Manipulation bzw. Beschädigung musealer Kunst-Objekte.

Ich vermute, dass, sobald Fridays for Future seine Aktionen über den gesetzlich erlaubten Bereich ausdehnen würde, entsprechend die performative Symbolkraft abnähme. Andersrum bei der letzten Generation: Dort würde, bei Beschränkung aller Aktionen auf den gesetzlich erlaubten Bereich, die existenzielle Rigorosität abnehmen, während die performative Symbolkraft zunähme.

Diese umgekehrte Proportionalität hängt, wenn mich nicht alles täuscht, mit dem Wesen liberaler ‚repräsentativer Demokratien‘ zusammen: insbesondere ihrer Fähigkeit, alles, was zu sehr ‚stört‘, entweder durch Ignoranz oder durch Zuteilung einer neutralisierenden ‚Spiel- und Tobe-Wiese‘ zu zerstäuben. Mediales Framing tut sein Übriges.


°Alles wird von allem getrennt.


°°Wieder eine Abspaltung – und zwar eine mit jahrhundertelanger Geschichte. Sie reicht zurück bis zur sog. „Hexenverfolgung“ in der frühen Neuzeit. So gesehen, handelt es sich bei dieser Dissoziation um kein originäres Gegenwartsphänomen; aber dabei, wie sie sich gestaltet und welche Funktion sie mittlerweile hat.


©Foto pixabay

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